Neue gentechnische Verfahren

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Modell einer CRISPR/Cas9 Editierung bei Streptococcus pyogenes, Bild: clipdealer

Gegenwärtig wird verstärkt über die kommerzielle Nutzung von neuen gentechnischen Verfahren bei der Züchtung von Pflanzen und Tieren diskutiert. Dabei handelt es sich um verschiedene Verfahren, wie beispielsweise die ZFN-, TALEN- oder CRISPR/Cas9-Technik, bei denen Gen-Scheren zum Einsatz kommen oder direkte Eingriffe in die Genregulierung vorgenommen werden.

Es bestehen widersprüchliche Rechtsauffassungen, ob diese Methoden in den Geltungsbereich der Gentechnik Gesetzgebung fallen oder nicht. Die Biotech-Industrie fordert, diese Verfahren von der Gentechnikregulierung auszunehmen. Zwei neue Gutachten in Deutschland kommen hingegen zum Schluss, dass diese Techniken unter den Geltungsbereich der EU-Gentechnik Gesetzgebung fallen.

Das Potential zur Veränderung des Erbgutes geht bei den neuen Techniken über das der bisherigen gentechnischen Verfahren hinaus. Die Grenzen der Machbarkeit und der Beeinflussung des Erbmaterials werden deutlich verschoben.

Die neuen gentechnischen Verfahren werden zunehmend auch zur genetischen Veränderung von Modelltieren für die Grundlagenforschung und von Nutztieren eingesetzt. Fachleute rechnen mit einem dramatischen Anstieg der Anzahl Gentech-Tiere.

 


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Risiken der GV-Organismen: Das aktuelle Prüfsystem der Behörden ist lückenhaft. Bild: Clipdealer

Das EU-Parlament hat in den letzten Jahren rund 40 Resolutionen gegen weitere Importe von gentechnisch veränderten Pflanzen verabschiedet. Dabei wird insbesondere kritisiert, dass die Risikoprüfung durch die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) unzureichend ist. Ähnliche Kritik äußern auch die ExpertInnen verschiedener Mitgliedsländer. Trotzdem genehmigte die EU-Kommission alle Anträge. Das Ergebnis des internationalen Forschungsprojektes RAGES (Risikoabschätzung von gentechnisch veränderten Organismen in der EU und der Schweiz) zeigt jetzt, wie berechtigt die Bedenken des EU-Parlamentes sind.

171003ngv euDie EU tut sich nach wie vor schwer mit der Regelung der neuen Gentechnik-Verfahren. Bild: fotolia

An einer Konferenz der EU-Kommission wurde letzte Woche in Brüssel darüber diskutiert, welche Rolle neue gentechnische Verfahren künftig für die europäische Landwirtschaft spielen könnten. Während die EU-Kommission die Führungsrolle der EU in der Forschung und Entwicklung neuer Tier- und Pflanzenzuchtstrategien mit Hilfe der neuen Verfahren stärken möchte, sprachen sich kritische Wissenschaftler, Verbraucherverbände und die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) für eine Risikobewertung  dieser Techniken zum Schutz der Umwelt und der menschlichen Gesundheit aus. Die Entscheidung, ob die neuen gentechnischen Verfahren künftig unter die Gentechnik-Gesetzgebung fallen, wird die europäische Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion erheblich beeinflussen. Die EU-Kommission hat diese Entscheidung jedoch bisher immer wieder aufgeschoben.

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Heute wird der Entscheid des uropäischen Gerichtshof (EuGH) zur rechtlichen Einstufung der neuen gentechnischen Verfahren erwartet. Auf dieser Grundlage müssen die EU-Kommission und die EU-Mitgliedstaaten entscheiden, ob sie die neuen Gentechnikverfahren künftig unter dem Gentechnikrecht regulieren werden oder ob sie dieser Technologie einen Freipass für eine uneingeschränkte kommerzielle Anwendung ausstellen wollen.

Die neuen Gentechnikverfahren haben das Potential, unsere Umwelt tiefgreifend zu verändern, denn sie werden an Lebewesen angewendet, die sich vermehren und genetisch austauschen. Ob und wie neue Gentechnikverfahren wie CRISPR/Cas reguliert werden sollen, bleibt auch nach dem Entscheid des EuGH eine politische Frage.

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An der 14. Konferenz der Vertragsstaaten der Biodiversitätskonvention in Sharm El-Sheikh, Ägypten, lehnten die Länder ein Moratorium für sogenannte Gene Drives ab, sie beschlossen aber eine strikte Anwendung des Vorsorgeprinzips. Die Länder, welche die Konvention unterzeichnet haben, werden damit verpflichtet, eine strenge Risikobewertung durchzuführen und die Zustimmung der lokalen Bevölkerung einzuholen, bevor Freisetzungen von Gene Drives durchgeführt werden. Damit wird anerkannt, dass die Technologie das Potential hat, ganze Ökosysteme zu verändern.

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Immer häufiger werden Tigermücken auch in der Schweiz entdeckt. Was ist zu tun? Fest steht: Eine Bekämpfung der Mücke mit Gentechnik würde in der Schweiz strikt abgelehnt. Das zeigt eine Umfrage von SWISSAID. Doch was bei uns unvorstellbar ist, droht in Westafrika Realität zu werden. Swissaid hat im September 2019 auf der Strasse und Online eine kurze Befragung durchgeführt und wollte wissen, ob eine Bekämpfung von Tigermücken mit sogenannten Gene Drives, einer neuen Gentechnik-Methode, in der Schweiz akzeptiert würde. Geantwortet haben 113 Personen. Die Antwort fiel deutlich aus: 78 Prozent lehnen den Einsatz solcher Techniken ab.